At the end of the longest line

Ich vermute, es nahm seinen Anfang bereits sehr früh. Wir waren ja noch so jung und hatten keine Ahnung, worauf wir uns da einließen. Es war der verhängnisvolle Sommer 93-94, und wir waren alle so 14, 15 Jahre alt. Wir dachten, wir hätten die Weisheit mit Löffeln gefressen. Mit ganz, ganz großen Löffeln, - halbe Suppenkellen waren das.

Eines sonnigen Nachmittags saßen wir bei Macke in der Bude und hörten den neuesten Gehirnwäschepoprocksounds aus den motherfucking U.S.A. Fritte, Schnuttels, Macke und ich saßen meistens bei Macke, denn seine Eltern waren locker drauf. Wir konnten rauchen, so viel wir wollten und die Mucke echt heftig laut aufdrehen.

Doch der Tag war so warm, dass Fritte den Vorschlag machte, wir könnten ja in den Park gehen und auf der Wiese sitzen. Und dann - ich sehe es vor meinem fiebrigen Auge, als wäre es gestern gewesen - dann hatte Macke dieses seltsame Funkeln in den Augen. Und er sagte den Satz, den ich noch so oft in schlaflosen Alptraumnächten nachhallen hören sollte: "Lass uns doch mal ein bisschen warten!"

Ich sah ihn verwundert an, dann die anderen. Fritte und Schnuttels waren von diesem Vorschlag offensichtlich genauso verwirrt wie ich. Einige Momente sagte keiner etwas. Dann war ich es, der das Wort ergriff.

"Warten?" fragte ich mit zittriger Stimme, "Ist das nicht gefährlich?"

"Klar ist das gefährlich", entgegnete Macke mit höllischer Entschlossenheit, "darum machen wir es ja!"

Na ja, da konnten wir dann kaum anders, als mitzumachen. Wir waren so naiv und hatten keine Ahnung, wie es unser Leben verändern würde. Am Anfang haben wir nur mal so zwei, drei Minuten gewartet, aber auch nicht so richtig, wir haben ja noch Mucke gehört dabei und auch ein bisschen gelesen.

Aber bei dem einen Mal blieb es natürlich nicht und schon bald haben wir mehr gebraucht. Bald mussten es fünf Minuten sein, und die Musik haben wir dafür auch ausgemacht, denn wir brauchten das Warten pur. Und von da an griff es um sich und nahm unmerklich Besitz von unserem Leben. Ich stellte mich schon kurze Zeit später im Supermarkt immer in die längste Kassenschlange, wenn möglich mit ein paar halbblinden Rentnern vor mir, die immer so gerne sagen: "78,23? Warten sie einen Moment, ich hab ´s passend."

Wir waren schnell richtig süchtig geworden nach Warten und gingen regelmäßig ohne Beschwerden und ohne Termin zum Arzt, um ein bisschen im Wartezimmer sein zu können. Ich kann gar nicht sagen, bei wie vielen Praxen ich mittlerweile Hausverbot habe. Unser Trieb brauchte immer neue, extremere Befriedigung. Irgendwann fingen wir an, den Verkehrsfunk zu hören und immer, wenn ein richtig fetter Stau gemeldet wurde, sprangen wir ins Auto und nichts wie hin. Wir waren völlig besessen und schwelgten im trügerischen Glück.

Und dann kam die tragische Sache mit Schnuttels. Entschuldigen sie, wenn es mir bis heute schwer fällt, darüber zu reden. Keiner hatte es kommen sehen. Schnuttels war eigentlich immer der Vernünftige in der Clique gewesen. Aber im Laufe der Zeit war er immer fanatischer geworden und hatte schließlich seine Selbstkontrolle völlig verloren. Am Morgen des 19. Oktober 95 wurde er dann gefunden. Er hatte sich in der Schlange vorm Informationsschalter im Bahnhof totgewartet. Überdosis.

Das Schlimmste daran ist, dass uns das damals in unserem Wahn nicht vom Weitermachen abgehalten hat. Wir dachten, das könnte uns nie passieren. Und es wurde immer schlimmer. Ich hatte meinen Job verloren, weil ich in meinem Büro zwei Wochen darauf gewartet hatte, dass der Chef merkt, dass ich nur noch rum sitze und nicht mehr arbeite.

Und so landete ich auf der Straße. Ich schnorrte Passanten an, die in die Kaufhäuser gingen. Ich fragte sie, ob ich vielleicht draußen auf sie warten könnte. Doch selten fand sich jemand mit Verständnis. Die grausigen Entzugserscheinungen saßen mir immer im Nacken.

Eines Tages wollten Fritte und Macke dann die Stadt verlassen. Sie sagten, in Berlin, da könnte man lange warten. Es gäbe da regelrechte Clubs, die warteten auf solche Sachen wie den Aufschwung oder den Tod vom Papst. Ich muss zugeben, die Vorstellung hatte ihren Reiz, aber ich schaffte es nicht, mich von meiner Heimat zu trennen, zum Glück, wie ich heute weiß.

Zum Abschied rief ich den beiden nach: "Ich warte hier auf euch!"

Ich habe nie wieder von ihnen gehört.

Danach irrte ich tagelang völlig verwirrt durch die Stadt und wartete, das was passiert. Aber ohne die anderen war es nicht dasselbe. Ich war am Boden, ganz unten. Da traf ich Juppe, den Streetworker. Er war selber früher mal drauf und war sogar 68 in den U.S.A. dabei gewesen, als die verrückten Hippies darauf warteten, dass der Vietnamkrieg endet. Und wie die warteten, jahrelang, ohne Pause. Manche von denen warten heute noch.

Na jedenfalls, Juppe hatte viel, viel, viel Verständnis für mich und zeigte mir, das Warten nicht alles ist. Schließlich stimmte ich zu, einen kalten Entzug zu machen. Jetzt bin ich seit einem halben Jahr clean und ich bin manchmal sogar schon ein bisschen ungeduldig.

Ob ich es schaffe, bleibt abzuwarten.

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25.02.2004 Sebastian 23 Rabsahl

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